Wenn der Platzwart mit dem Schneepflug kommt
  16.10.2020

SZBZ vom 16.10.20: Leichtathletik ist eine Individual-Sportart. Neben den bekannten Mannschafts-Wettbewerben wie Staffeln in allen Varianten oder Pokal- und Vergleichswettkämpfen hat die deutsche Leichtathletik schon seit den 30er-Jahren des letzten Jahrhunderts immer wieder Wettkampfformen für Mannschaften in sein Programm aufgenommen. Eine besondere Form war der Wettbewerb um die Deutsche Mannschafts-Meisterschaft (DMM).

Da die Titelkämpfe in allen Altersklassen ausgetragen wurden, war dieser Wettbewerb für die Vereine ein wichtiges Merkmal für ihre Breitenwirkung und Nachwuchsarbeit. In den Aktiven Klassen gab es bis 2013 verschiedene Ligen: Von der Bezirksliga bis zur Bundesliga.

Ab 1972 immer dabei

Mit der Einweihung des umgebauten Floschenstadions 1972 beteiligte sich der VfL Sindelfingen immer an diesen Mannschafts-Meisterschaften. Wer zu den großen Vereinen in Deutschland gehören wollte, musste sich an diesen Wettkämpfen beteiligen. Die Männermannschaften haben dies seit 1974 bis 1992 auch sehr erfolgreich gemacht. Auch die Frauen beteiligten sich an den Wettbewerben bis 1986.

Der Meisterschafts-Charakter wurde durch einen – meist im Mai – angesetzten Qualifikationswettkampf in den Bereichen Bundesliga-Gruppe Süd und Gruppe Nord und ein anschließend stattfindendes Bundesligafinale durchgeführt. Die Qualifikationsrunden für die Sindelfinger waren in Frankfurt, Ludwigshafen, Mainz oder Gelnhausen angesetzt. Aber auch das Floschenstadion war mehrmals Ort für die Qualifikationen. Der Bundesligaqualifikationswettkampf wurde auch einmal in die traditionellen Schwabenkampfspiele integriert.

Bedenkt man, dass gerade bei den Männern praktisch das gesamte olympische Leichtathletik-Programm zu bewältigen war, kann man sich leicht ausrechnen, wie viele Athleten für einen erfolgreichen Wettkampf notwendig waren. Bei den Frauen fehlten der 400-Meter-Hürdenlauf und das Hammerwerfen im Kanon der Wettbewerbe. Es war eine gewaltige logistische Leistung der Vereinsmitarbeiter, manchmal über 100 Sportlerinnen und Sportler zum Wettkampf zu transportieren und sie auch während des Wettkampfes mit Essen und Trinken und viel Zuspruch zu versorgen.

Ein Quartett sagt an

Otto Welker und Dieter Gauger mit Herbert Bohr und Siegfried Eichler führten dabei immer akribisch die „Marschtabellen“. So durfte beispielsweise Karl-Werner Dönges bei den 400 Meter Hürden antreten, oder ein Weitspringer wurde kurzerhand auch auf den Dreisprung gesetzt. Die Bundesliga-Runden waren stets ein gewaltiges Erlebnis für alle Beteiligten. Die Betreuung und die Mannschaften, dies war ein Werbeargument für viele junge Sportler in der Region. Gerade die Männer schafften es tatsächlich einmal, beim Bundesliga-Finale in Lüdenscheid (1984) dabei zu sein. Unter den sechs besten Vereinen in Deutschland. Am Tag darauf hatte die Frauen-Bundesligamannschaft in Frankfurt ihre Qualifikationsrunde. Dass meist der Nachbarverein LG Salamander Kornwestheim immer etwas besser war und eine große Konkurrenz darstellte, motivierte bei allen Wettkämpfen. Bei diesen Wettkämpfen gab es auch die ein oder andere kuriose Geschichte. So ging beim Qualifikationswettkampf 1977 im Floschenstadion ein Hagelschauer nieder. Die Wettbewerbe mussten unter- und fast abgebrochen werden. Wäre da nicht Platzwart Willy Dietz gewesen, der kurzerhand den Schneepflug an ein Fahrzeug montierte und die Bahn wieder frei machte. Ein anderer Qualifikationswettkampf fand in Berlin statt. Sechs Mannschaften allein im riesigen Olympiastadion. Wettkampf im Stadion und ein Grillfest bei den Freunden der Berliner Leichtathleten und wieder zurück.

Einige Bundesliga-Runden gingen auch im Waldstadion in Frankfurt über die Bühne. Meist mussten dort die Starts unterbrochen werden, da immer wieder ein Jumbo zum oder vom nahen Flughafen über das Stadion donnerte. Die Frauenmannschaft hatte mit 19 708 Punkten im Jahr 1984 ihr bestes Ergebnis. Obwohl sie das Highlight eines deutschen Finales nie erreichten, waren sie über viele Jahre in der württembergischen Leichtathletik unangefochten die Besten.

Nach 1993 zogen sich immer mehr Großvereine aus diesem Wettbewerb zurück. Damit sank auch die Attraktivität für diese Art von Wettkampf. 2013 wurde dann der gesamte DMM-Bereich umstrukturiert und in Team-Wettkämpfe umbenannt. Auch das war nicht die Lösung. Seit 2017 gibt es keinen vergleichbaren Wettkampf mehr für die Aktiven.

 

Die SZ/BZ stellt jeden Freitag die Geschichte der VfL-Leichtathleten nach. In Folge 15 geht es am 23. Oktober um die Sindelfinger Staffeltradition.

Originaltext über die Bundesliga-Geschichte von Dieter Locher


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