Weltrekorde am laufenden Band
  19.03.2021

Ewald Walker in der Kreiszeitung Böblinger Bote vom 13.03.21: Zurückgeblättert (Teil 5): Das IHS in Sindelfingen von 1979 bis 2002 besaß Strahlkraft weit über die Region hinaus und lockte die Massen in den Glaspalast. Organisator Herbert Bohr präsentierte Leichtathletik auf absolutem Weltniveau mit vielen internationalen Stars in einer außergewöhnlichen Atmosphäre.

Sindelfingen. Die 100-jährige Geschichte der Sindelfinger Leichtathletik ist gespickt mit Namen, sportlichen Erfolgen und organisatorischen Highlights. Ein Ereignis überstrahlt die Historie: Das Internationale Hallensportfest (IHS) im Glaspalast war von 1979 bis 2002 das Sahnehäubchen, das eine hohe Strahlkraft weit über die Region hinaus in die nationale und internationale Leichtathletik-Welt besaß.

Meetingmacher Herbert Bohr gelang es, Leichtathletik auf Weltniveau zu präsentieren. Topstars wie Colin Jackson, Merlene Ottey, Javier Sotomayor, Haile Gebrselassie, Sergej Bubka, Linford Christie, Thomas Schönlebe, Heike Henkel oder Heike Drechsler gaben sich im Glaspalast die Klinke in die Hand. Sieben Weltrekorde wurden beim IHS erzielt, dazu nationale Rekorde. Das IHS war ein absoluter Zuschauermagnet in der Leichtathletikszene.

„Herbert Bohr war ein Mann mit Visionen und hat viele davon umgesetzt“, sagt Robert Dinkelacker, der als Athletenmanager fast zwei Jahrzehnte eng an der Seite von „HeBo“ gearbeitet hat. Sein „sportlicher Ziehvater“ habe das IHS zu einem Event mit internationaler Bedeutung gemacht und den VfL als Verein der nationalen Größe im Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV) positioniert.

Die schnelle Bahn im Glaspalast und die außergewöhnliche Atmosphäre durch die engen Verhältnisse in der Halle waren für die Athleten extrem leistungsfördernd. Merlene Ottey, charismatische Sprinterin aus Jamaika, musste überzeugt werden, „dass sie auf Bahn vier und nicht auf drei laufen sollte“, erinnert sich Dinkelacker. Ottey lieferte dann mit 22,24 Sekunden über 200 Meter einen Weltrekord ab und sorgte mit ihrem Doppelsieg über 60 Meter in 6,99 Sekunden für Ottey-Festspiele.

Zu einem absoluten Höhepunkt avancierte das IHS 1988. 4500 Zuschauer wollten den Weltrekordler Ben Johnson (Kanada) sehen. Er inszenierte im Glaspalast eine einzige Show auf und neben der Bahn. Mit 6,45 Sekunden schrammte er nur knapp am 60-Meter-Weltrekord vorbei. Doch diese Zeit wurde ein Jahr später aus den Rekordlisten verbannt, weil Johnson im folgenden Sommer bei den Olympischen Spielen in Seoul als Sieger des Duells mit Carl Lewis des Dopings überführt wurde. Nach einem Comeback tauchte er 1991 erneut im Glaspalast auf, konnte aber nicht mehr seine alten Leistungen abrufen. Nach einem erneuten Dopingfall 1993 wurde Johnson lebenslang gesperrt und ging so als Wiederholungstäter in die Annalen ein.

Jenen 5. Februar 1988 krönte dann Thomas Schönlebe. Der DDR-Läufer stellte mit 45,05 Sekunden über 400 Meter einen Hallen-Weltrekord auf, der heute noch, 33 Jahre später, als Europarekord geführt wird. „Ich war professionell vorbereitet, kam aus dem Trainingslager in Mexiko in einen vollen Sindelfinger Glaspalast in ein sehr schönes Meeting. Alles hat gepasst. Am Ende lief ich mit 45,05 Hallen-Weltrekord – dies hätte ich nicht für möglich gehalten“, erinnert sich Schönlebe noch immer an Sindelfingen. Als Weltrekord-Prämie ging ein Geldbetrag an den Verband in der DDR. „Ich selber habe von Veranstalter Herbert Bohr eine Video-Kamera erhalten, über die ich mich sehr gefreut habe, und die ich heute noch in Ehren halte.“ Dies war ungewöhnlich, denn die herausragenden Sportler ließen ihren Marktwert natürlich immer auch bar ausbezahlen. Dieser Weltrekord von Schönlebe war der Durchbruch für das IHS auf internationalem Parkett. „Dieser erste Weltrekord in unserem Meeting war für mich sehr emotional“, sagt auch Bohr im Rückblick.

Der Etat zum Auftakt des IHS 1979 lag bei rund 40 000 Mark. „Wir hatten damals für nicht wenige Athleten sogar noch Startgeld verlangt“, erinnert sich Bohr an die Anfänge des Meetings. In den 90er Jahren wurde der Titel des IHS auf Volksbank-Grand-Prix umbenannt. Die Kommerzialisierung des Sports machte auch vor der Leichtathletik nicht Halt. Der Etat stieg auf 300 000 D-Mark an.

Der vielleicht größte Tag in der IHS-Geschichte war der 6. März 1994. Es war mucksmäuschenstill im Glaspalast, als die Hürdenläufer in den Startblöcken saßen. 7,30 zeigten die Uhren an – „Weltrekord für die Ewigkeit“ lauteten die Schlagzeilen. Colin Jackson, der sympathische Brite, strahlte auf der Ehrenrunde, und die fast 5000 Zuschauer jubelten ihm zu. Erst 27 Jahre später, im Februar 2021, hat der Amerikaner Grant Holloway den Rekord um eine Hundertstel auf 7,29 Sekunden verbessert.

Höhepunkte sollten noch mehr als genug folgen. 1996 gab es einen begeisterten Auftritt des Ausnahmeläufers Haile Gebrselassie (Äthiopien). Bei seinem ersten Hallenstart überhaupt lief er über 5000 Meter in 13:10.98 Minuten ebenfalls Weltrekord – und der Glaspalast tobte. „Gegen einen solchen Gebrselassie kann man einfach nichts machen“, kommentierte Olympiasieger Dieter Baumann die Leistungen des nur 1,60 Meter großen Äthiopiers, der eine Woche nach dem IHS in Stuttgart über 3000 Meter gleich noch einem Weltrekord erzielte.

1998 hieß das Motto im Glaspalast „Internationaler Frauentag“. Die Stabhochspringerinnen Stacy Dragila (USA) und Daniela Bartova (Tschechien) verbesserten beide den Weltrekord auf 4,48 Meter. Die Rumänin Gabriela Szabo lief über 2000 Meter in der wieder einmal vollen Halle eine Weltbestzeit. Szabo hatte mit den Machern Bohr und Dinkelacker im Vorfeld telefoniert und den Weltrekord sogar angekündigt. Der Etat war auf 550 000 Mark geklettert, das IHS weltweit auf Rang fünf angekommen. Hochsprung-Legende Javier Sotomayor sprang im Glaspalast, Olympiasieger Donavan Bailey sprintete – das Who is who der Leichtathletik war zu Gast.

Neben den internationalen Stars fanden auch einige der deutschen Aushängeschilder den Weg nach Sindelfingen. Heike Drechsler, Doppel-Olympiasiegerin und vierfache Weltmeisterin, sprang 1994 überragende 7,19 Meter weit. Heike Henkel, Olympiasiegerin und Doppel-Weltmeisterin, glänzte 1992 mit herausragenden 2,04 Meter im Hochsprung. Ein Meisterstück lieferte Ulrike Sarvari vom VfL Sindelfingen bereits 1988 ab. Die Doppel-Europameisterin von Glasgow über 60 und 200 Meter brachte das Kunststück fertig, beim IHS binnen dreieinhalb Stunden den deutschen Rekord von Olympiasiegerin Annegret Richter (Dortmund) über 60 Meter gleich dreimal zu unterbieten. 7,18, 7,15 und 7,13 Sekunden lieferte die Lokalmatadorin ab. „Bist du jetzt zufrieden?“ soll Sarvari damals Meeting-Direktor Bohr gefragt haben.

„Ich habe größten Respekt vor der Leistung von Herbert Bohr“, lobt Werner Späth noch heute, seit 1970 beim VfL Sindelfingen als Sprinttrainer tätig und bei allen 24 IHS dabei. „Dieses Event war einfach großartig“, sagt Späth, der sich besonders an zwei Anekdoten erinnert. Da war die Schlange der Athleten, die sich nach dem Meeting im Hotel angesammelt hatte. Dort saßen sie alle in einer Reihe, um ihre Startgelder und Prämien abzuholen. Späth erinnert sich auch an das Bankett in der Stadthalle. „Da räumten die Ostblock-Athleten die ganzen Südfrüchte, die sie zu Hause nicht kannten, vom Büfett ab“, beobachtete Späth damals.

Und da wäre noch die Anekdote mit Stabhochsprung-Überflieger Sergej Bubka: Noch heute lacht man in Sindelfingen verschmitzt darüber, dass der 35-fache Weltrekordler für lächerliche 2000 Mark beim IHS startete. Der Grund: Bubka wurde eigentlich nach Stuttgart für den Sparkassencup verpflichtet, eine Trainingseinheit führte den Überflieger in den Glaspalast und ins Starterfeld beim IHS.

Um die Jahrtausendwende waren die Besucherzahlen zurückgegangen, die Terminfindung im März war schwierig geworden. Bohr musste finanziell den Gürtel enger schnallen. Das Programm wurde reduziert, der Schwerpunkt lag nur noch auf Sprungwettbewerben. Christian Adams (Leverkusen) sprang 2002 mit 4,66 Meter deutschen Rekord im Stabhochsprung, Jeff Hartwig (USA) lieferte mit 6,02 Meter eine letzte Weltklasseleistung ab. Da waren aber nur noch 1000 Zuschauer im Glaspalast.

„Der Terminkalender gab am Ende nichts mehr her für uns, und wir haben die IHS-Geschichte 2003 beendet“, erinnert Bohr mit Wehmut an diese glanzvolle Zeit. „Das IHS war ein Traum für die Leichtathletik, es bleibt einmalig“, fasst Robert Dinkelacker diese Geschichte zusammen.

Autor Ewald Walker war bei insgesamt 19 IHS-Meetings als Berichterstatter im Sindelfinger Glaspalast dabei und hat alle Weltrekorde miterlebt.

Weltrekorde beim IHS

Videozusammenstellung von Werner Späth!

IHS 1979 bis 2003


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