Vor dem Training wurde die Halle geheizt
  24.07.2020 •     Pressemitteilung

Saskia Drechsel in der SZBZ: Im Jahr 1920 – der Erste Weltkrieg ist vorbei – erfährt auch der Sport einen Neuanfang. Einige beherzte junge Männer der „Freien Turnerschaft“ gründen in Sindelfingen eine Leichtathletik-Abteilung, aus der sich mit den Jahren eine Leichtathletik-Hochburg in Baden-Württemberg entwickelt.

Ein Neustart der leichtathletischen Aktivitäten in Sindelfingen erfolgte im Frühjahr 1946 nach Ende des Zweiten Weltkriegs. Günstig waren die Voraussetzungen nicht, denn Sportplätze und Turnhallen waren beschlagnahmt, Geräte und Sportkleidung abhanden gekommen oder nicht mehr vorhanden.

Dennoch fanden sich die ersten Leichtathleten um Helmut Schmidt, Oskar Reuff, Reinhold Kopp und Heinz Straubinger und machten, was die Alliierten noch genehmigten. Das Speer- und Diskuswerfen etwa waren wegen „vormilitärischer Ausbildung“ streng verboten. Eugen Stolz und später Oskar Reuff übernahmen die Abteilungsleitung, und schon bald waren es rund 40 aktive Leichtathleten, die am Trainingsbetrieb beteiligt waren. Im Jahr 1949 stieß auch Alfred Wagner zur Leichtathletik.

Nach dem Kriegsdienst und einer Gefangenschaft von dreieinhalb Jahren kehrte er gesund zurück, nahm seine beru iche Tätigkeit wieder auf und folgte der Bitte einiger Freunde, sich den Leichtathleten anzuschließen. „Es war eine Entscheidung, die ich nie bereut habe, denn das Umfeld, die sportlichen Aktivitäten sowie die geselligen Zusammenkünfte haben meinen Vorstellungen und Erwartungen voll entsprochen.“

Wagners Weg zum Spitzensport wurde schon früh durch einen erlittenen Skiunfall beendet. Die wöchentlichen Trainingsabende in der Turnhalle Eichholz sowie auf dem angrenzenden Sportplatz besuchte er aber auch danach regelmäßig und kann von einem Zustand der Trainingsanlagen erzählen, den man sich heute nicht mehr vorstellen mag. „Vor Trainingsbeginn musste in den Wintermonaten zum Beispiel die Halle mit Holz und Kohle beheizt werden. Auf dem Platz wurden wild wachsende Gräser und Kräuter, besonders vor Wettkämpfen, von den Aktiven und den passiven Mitgliedern, die das Mähen mit der Sense beherrschten, entfernt“, erinnert sich Wagner. „Um gerechte Ergebnisse zu bekommen, war die Sprunggrube des Öfteren mit einer Fuhre Sand zu befüllen, um sie auf das entsprechende Niveau zu bringen. Wenn eine 200 Meter lange Rundbahn benötigt wurde, war das der Einsatz von Heinz Schurer. Der gelernte Geometer plante, und eißige Athleten und Helfer ließen die Bahn durch Bestreuen mit Sägemehl sichtbar entstehen. Dies alles geschah nach Feierabend in froher, freundschaftlicher und harmonischer Zusammenarbeit“, so der heute 93-Jährige weiter.

Starter trotz Eis und Schnee

Gerne erinnert sich Wagner auch an die damaligen Wettkämpfe zurück, etwa die jährlichen Kreismeisterschaften. „Die Teilnehmer der einzelnen Laufdisziplinen - wollten sie die Endläufe erreichen, hatten sie Vor- und Zwischenläufe zu bestehen. Bei den Frauen waren auf ärztliches Anraten die längeren Laufstrecken tabu und nicht im Programm. Auch die Waldläufe im Frühjahr bescherten trotz oft vereisten und teils noch verschneiten Wegen große Teilnehmerzahlen“, erzählt der Leichtathlet. Auch Alfred Schwab war zum zweiten Anfang der Leichtathleten aktiver Sportler und als Sprinter und Weitspringer unterwegs. „Da es anfangs weder eine Aschen- noch Tartanbahn gab und die Zeiten handgestoppt wurden, zählte vor allem der direkte Vergleich“, erinnert er sich. Die Leistungen sind nicht mit den heutigen vergleichbar. „Wir haben einmal die Woche trainiert, und nach den Wettkämpfen hatten wir drei Tage lang Muskelkater.“ Gerne erinnern sich Schwab und Wagner an die vielen Mannschaftswettkämpfe. Mit Abteilungsleiter Fritz Kratschmann begann auch die Zeit nationaler und internationaler Vergleichskämpfe. Ein reges Kräftemessen mit den Leichtathletik treibenden Vereinen im Württembergischen Leichtathletik-Verband geschah bei den jährlich durchgeführten Mannschaftsmeisterschaften der A-Klasse. Kornwestheim, Heilbronn und Ulm waren immer namhafte Gegner. Die damaligen dominanten Vereine waren die Stuttgarter Kickers und Feuerbach. Der erste internationale Vergleichskampf wurde auf dem Eichholz-Sportplatz gegen IFK-Linköping aus Schweden durchgeführt.

Premiere im Floschenstadion

Einen großen Namen hatten die Schwabenkampfspiele, gestartet nur ein Jahr nach der Einweihung des neuen Floschenstadions 1954. „Die Schwabenkampfspiele fanden ab 1955 jeweils am Himmelfahrtstag statt und wurden 25 Mal ausgetragen. Weit-, Hoch- und Stabhochspringer landeten in der Sandgrube “, so Wagner. Durch die besseren Trainings- und Wettkampfbedingungen rund um die 400 Meter lange Aschenbahn wurde Sindelfingen für viele Leichtathleten zur ersten Anlaufstelle.

1956 ging es nach Schweden zu den Vergleichskämpfen gegen IFK-Linköping und AIK-Finspang. „Die Anreise durch Deutschlands Norden bis Flensburg war unvergesslich schön. Ohne der Sprache mächtig zu sein, erlebte man während einer Woche zwei Einquartierungen in Linköping und Finspang, wo auch die Vergleichskämpfe stattfanden. Der Einmarsch mit Fahne erinnerte fast an die Olympischen Spiele“, erinnert sich Alfred Wagner.

Kein Gegenbesuch in Gera

Oft denkt Wagner noch an den kaum für möglich gehaltenen Besuch der DDR-Athleten aus Gera zurück. „Der bereits geplante Gegenbesuch kam nicht mehr zustande, da etliche Sportfreunde aus der thüringischen Stadt republik üchtig geworden waren und in Sindel ngen ihre Zelte aufschlugen. Ich erinnere mich besonders an „Hebo“ Bohr, der über ein halbes Jahrhundert für die Leichtathletik in Sindel ngen verdienstvoll und aktiv gewirkt hat“.

Alfred Wagner blieb der Leichtathletik noch lange Jahre erhalten. Die Hallen-Europameisterschaften im Sindelfinger Glaspalast erlebte er als Kampfrichter. „Das war ein absoluter Höhepunkt damals, dabei zu sein. Wir wurden blau eingekleidet und erlebten den 1500-Meter-Sieg von Thomas Wessinghage. Meine Frau hat damals zu mir gesagt 'Nimm doch dein Bett mit in den Glaspalast'“.

erstellt von Saskia Drechsel für die SZBZ


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