Sternstunden in Sindelfingen
  04.09.2020

Saskia Drechsel für die SZBZ am 04.09.20: Die jungen Männer der „Freien Turnerschaft“, die zwei Jahre nach dem Ersten Weltkrieg in Sindelfingen eine Leichtathletik-Abteilung gründeten, hätten Bauklötze gestaunt. Unter anderem auch darüber, welche Veranstaltungen die Sportler später auf die Beine stellten. Um die nach der Jahrtausendwende geht es in der achten Folge der SZ/BZ-Serie zu 100 Jahre Leichtathletik im VfL Sindelfingen.

Zur Jahrtausendwende standen auch für die Sindelfinger Veranstaltungen einige Neuerungen an. Das Jahr 2000 begann mit der Ausrichtung von gleich zwei deutschen Meisterschaften: Die der Jugendlichen und die der Aktiven innerhalb kürzester Zeit, das hielt die Sindelfinger Funktionäre und Helfer um Siegfried Eichler und Dieter Locher in Atem.

Auch das Leichtathletik-Meeting in Sindelfingen bekam einen neuen Namen. Seit 1979 war die Veranstaltung unter IHS bekannt, im neuen Jahrtausend lief das Sportfest am 22. Januar 2000 unter Volksbanken-Raiffeisenbanken Grand Prix. Zu den Top-Namen des Meetings gehörten Marathon-Weltrekordhalterin Tegla Loroupe aus Kenia, Dreisprung-Weltmeister Charles Friedek und die zweifache Weitsprung-Olympiasiegerin Heike Drechsler.

Das 25-jährige Jubiläum des Glaspalastes wurde 2002 mit den 49. deutschen Hallen-Meisterschaften, davon den elften in Sindelfingen, gefeiert. Das IHS ging im Jahr darauf neue Wege: weniger Disziplinen, dafür möglichst die beste Besetzung, die zu kriegen ist und eine für die Zuschauer transparente Aufbereitung. Der Schwerpunkt lag auf den beiden Stabhochsprungkonkurrenzen.

Bei den Männern trat ein deutsches Quartett mit Hallen-Europameister Tim Lobinger, dem Jahresbesten Danny Ecker, Hallen-EM-Bronze-Medaillengewinner Lars Börgeling und dem Deutschen Meister Richard Spiegelburg an. Außerdem Jeff Hartwig und Olympiasieger Nick Hysong aus den USA. Bei den Frauen war der deutsche Rekord das erklärte Ziel von Meetingdirektor Herbert Bohr. Zumindest sportlich ging der Plan voll auf: Das Meeting konnte mit der Weltjahresbestleistung von Jeff Hartwig einen Sechs-Meter-Sprung verzeichnen. Hartwig verabschiedete sich in Sindelfingen mit 6,02 Metern aus der Hallensaison. Jubelschreie gab es auch bei den Frauen: Christine Adams gewann überraschend mit der deutschen Rekordhöhe von 4,66 Metern.

Der Vorhang fällt

Dennoch waren die Besucherzahlen zurückgegangen, und nur ein Jahr später folgte mit ähnlichem Konzept das letzte IHS. „Es ist mir unglaublich schwergefallen, nach dem 24. IHS aufzuhören. Aber uns sind die Sponsoren abgesprungen, und wir hatten keine Möglichkeit mehr, so etwas zu finanzieren“, erzählt Herbert Bohr. Eine erfreuliche Nachricht erreichte die Sindelfinger im September 2003. Der Weltverband der Senioren-Leichtathletik hatte beschlossen, alle zwei Jahre eine Hallen-Weltmeisterschaft für die älteren Leichtathleten auszutragen, die ersten Titelkämpfe sollten im Glaspalast in Sindelfingen stattfinden.

Es folgte in 2004 eine Veranstaltung, von der noch viele Sindelfinger Leichtathleten zu erzählen wissen, einfach weil die meisten als Helfer direkt beteiligt waren. Über 2600 Teilnehmer aus 56 Ländern starteten im Glaspalast und zu den Winter-Wurf-Wettbewerben im benachbarten Floschenstadion. Die Geher ermittelten neben den Bahnwettbewerben auch auf der Straße ihre Sieger, so wie es die Crossläufer in Stadionnähe taten. 600 Helfer waren im Einsatz. „Das war wie Olympia. Wir sind eine Woche lang von morgens bis abends in der Halle gestanden“, erinnert sich Dieter Gauger.

Im Jahr 2008 dann der nächste Abschied: Die letzten deutschen Meisterschaften wurden im Glaspalast ausgetragen. Die beste Sindelfinger Platzierung erzielte damals mit Platz vier die 4 x 400-Meter-Staffel mit Stephan Stoll, Stefan Kinzy, Hannes Scharpf und Manuel Ilg in 3:16,10 Minuten sowie Kugelstoßer Sven-Eric Hahn mit 18,60 Metern. Als Fünfter lief Andreas Dengler im 60-Meter-Hürden-Finale nach 7,75 Sekunden über die Ziellinie. „Wir haben im Glaspalast nun mal nur vier Bahnen. Für deutsche Meisterschaften fehlen uns die fünfte und die sechste Bahn. Die gibt es in Leipzig und im generalsanierten Dortmund, wo die nationalen Meisterschaften nun stattfinden“, weiß Dieter Locher.

Er ist nicht der Meinung, dass sechs Bahnen nötig sind „allerdings hat man damals versäumt, an entsprechende Räumlichkeiten um die Halle herum zu denken, und mit den neuen Konzepten der Sponsoren wird mehr Platz benötigt“, sagt Locher. Nun bleiben dem VfL Sindelfingen als Höhepunkt der Veranstaltungen noch die deutschen Jugendhallenmeisterschaften und die süddeutschen Meisterschaften. Beide finden regelmäßig im Glaspalast statt, im kommenden Winter stehen die deutschen Jugendmeisterschaften an. „Nach all der Routine in den letzten Jahren mag ich die Jugendmeisterschaften immer noch am liebsten, die sind viel spontaner“, sagt Locher.

In 16 Folgen stellt die SZ/BZ jeden Freitag die Geschichte der VfL-Leichtathletik nach. In Folge 9 am 11. September geht es um die Olympiateilnehmerinnen des VfL Sindelfingen.

Saskia Drechsel war bei der Senioren-WM als Helferin dabei, hat die Fahne von Namibia getragen und Ergebnislisten aufgehängt.



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