Sternstunden im Floschenstadion
  13.11.2020 •     Pressemitteilung TOP-Nachricht

Jürgen Wegner in der SZBZ vom 13.11.2020: Schmuckkästchen, Hoffnungsträger, Sorgenkind – so schlägt das Herz des Sports in Sindelfingen / SZ/BZ-Serie zur Geschichte des VfL Sindelfingen (18)

Eine enorme Strahlkraft geht vom Floschenstadion aus, nachdem es die US-Amerikaner 1954 aus dem Boden gestampft hatten. Es spielt eine zentrale Rolle in der 100-jährigen Geschichte der Leichtathleten des VfL Sindelfingen. Seit 1972 steht es in etwa so da, wie heute noch. Aber das soll sich ändern.

Fast 20 Jahre ist es her, dass die Leichtathleten den Sindelfinger Stadträten eine Mängelliste vorlegten, die aufzeigte, was im Floschenstadion los ist. Oder besser, wo es hakt. Seitdem geht es im Schlingerkurs Richtung neues Stadion. Zwei-Zentren-Modell, Stadion auf dem Gaslager der Stadtwerke, Teilumzug nach Maichingen: alles zu den Akten gelegt.

Die Idee vom Abriss und Neubau an anderer Stelle ist passé, nachdem die Kosten davongaloppierten. Einzelne Bausteine des Sportstättenkonzepts sind umgesetzt, doch nachdem die Nebenanlage mit Kunstrasen, Multifunktionsfeld, Laufbahn und Wurfanlagen auf dem ehemaligen Hartplatz im Juli 2018 eingeweiht waren und mit dem Landesfinale von „Jugend trainiert für Olympia“ einen ersten Höhepunkt fand, kam es wieder zum Stillstand. Haushaltskrise, Haushaltssperre.

Alle Sektoren kaputt

Eigentlich sollten die Leichtathleten laut jüngstem Projektplan letzten Monat schon in Maichingen ihr Übergangsquartier bezogen haben, damit im Floschenstadion neue Gebäude und neue Bahnen entstehen und die Sportler das Gelände wieder in vollen Zügen nutzen können. Denn das geht nicht mehr. Alte Steine sind Stolperfallen, sämtliche Sektoren sind kaputt. „Mit jedem Tag wird es hier unfallträchtiger. Wettkämpfe sind längst nicht mehr darstellbar“, sagt Dieter Locher. Der ehemalige Athlet und Trainer kennt in seiner Funktion als Chef-Stratege für Veranstaltungen und Meisterschaften die Anlage aus dem Effeff.

Dabei hat das Floschenstadion so viel zu erzählen und ist so wichtig für die Abteilung, die nach ihrer Gründung erst einmal in einer ehemaligen Halle in der Nähe des Minigolfplatzes am Rand des Eichholz und vor allem auf der Steige beim heutigen Krankenhaus eine sportliche Heimat fand. Dort pilgerten nicht nur die Fußballfans in Scharen hin, auch die Leichtathleten stiefelten mit geschulterter Trainingstasche hinauf um auf der kalkgestreuten Rundbahn Rekorde zu jagen.

1954 wird alles anders. Sindelfingen bekommt sein Schmuckkästchen an der Rosenstraße, weil die US-Amerikaner mit schwerem Gerät helfen, ein Stadion aus dem sumpfigen Boden zu stampfen. Es macht mächtig was her, die Strahlkraft reicht weit über die Stadtgrenzen hinaus. Zum Beispiel bis nach Gera, deren Leichtathleten einen Vergleichswettkampf mit einer westdeutschen Stadt anstreben. Dort hat ein junger Kerl namens Herbert Bohr die Wahl, wohin es denn gehen soll. Ein Luftbild gibt den Ausschlag. „Ich war sofort hin und weg, da wollte ich hin“, erinnert sich der Grandseignor der Leichtathleten an seinen ersten Kontakt mit der Daimlerstadt. Am 28. August 1955 maßen sich die Athleten von Ost und West im Floschenstadion. Herbert Bohr war begeistert, wechselte die Seiten und ist bis heute vor allem als Funktionär ein Glücksfall für den VfL.

Handball im Freien

Eine der größten Sternstunden hatte das Stadion da schon erlebt. Zur zweitägigen Einweihung mit Fahnen, Pauken und Trompeten startete am 7. August 1954 ein Festzug am Rathaus. Der Flugsportverein warf den Ball fürs Feldhandballspiel des VfL gegen Plochingen wie ein Geschenk des Himmels ab. Nach dem Festabend im städtischen Saalbau folgten am Sonntagmorgen Schülerwettkämpfe im Stadion und Leichtathletik-Vergleichskämpfe, unter anderem mit der türkischen Nationalmannschaft, der finnischen Athletik-Vereinigung und Velsen-Nord aus Holland. Und das Eröffnungsspiel der VfL-Kicker gegen den legendären 1. FC Nürnberg rahmten die Barren- und Reckturner ein.

Das Stadion zog Zuschauer und Sportler an. So auch Dieter Gauger, als Jugendlicher und junger Erwachsener noch für Bad Liebenzell am Start und auf dem Sprung. An der Rosenstraße bekam er leuchtende Augen. „Auch, weil die Sportler so einen wunderbaren Treffpunkt hatten, in dem alles zusammenlief“, erinnert er sich. Bis heute ist hier neben dem Glaspalast das sportliche und strategische Epizentrum der Abteilung. Ihn zieht es bald zu den Blau-Weißen, wo er als Athlet, Trainer und Abteilungsleiter Eindruck macht und sich auch als Stadtrat immer für die Belange des Sports einsetzt.

Schwabenkämpfe, Wurstsalat

Ähnlich ist es bei Tausendsassa Dieter Locher, Sportler, Trainer, Jugendwart, ein Jahr lang sogar Platzwart und der ewige Cheforganisator. Wobei hier Herbert Bohr als Strippenzieher die Finger im Spiel hatte und unbedingt das Frauenteam verstärken wollte. Mit Dieter Lochers heutiger Frau Angelika Thomé zog eine Weitspringerin und Hürdensprinterin an Land, die bis zu den Zeiten von Birgit Wolf und Lisa Steinkamp das Maß aller Dinge war. Sie alle erinnern sich gern an die sagenhaften Schwabenkampfspiele, die von der Premiere am 19. Mai 1955 bis Mitte der 80er Jahre ebenso Kult bleiben wie der Wurstsalat mit Bratkartoffeln in der Stadiongaststätte.

Endgültig auf die Erfolgsbahn biegen die Sportler aber am 10. Juni 1972. Ab da bietet die neue Tribüne nicht nur Platz für 850 Zuschauer, sondern wird zum Unterstand bei schlechtem Wetter oder zum Trainingsort für Treppensrünge. Rein geht es jetzt durch den neuen Eingang an der Weidenstraße, neue Räume schaffen Platz für mehr Geräte. Die Sportler freuen sich über moderne Duschanlagen. Und zur Eröffnung mit einem internationalen Meeting betreten sie fast ehrfürchtig den identischen Rekortan-Kunststoffbelag, der zeitgleich für die Olympischen Spiele in München verlegt worden ist.

Ein Funken Hoffnung besteht, dass am Stadion bald wieder nicht nur geplant, sondern auch tatsächlich wieder gearbeitet wird. Die Stadt hat einen Förderantrag auf Finanzmittel beim Bund gestellt, der einen beachtlichen Teil der Kosten abdecken würde.

Artikel in der SZBZ vom 13.11.20

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erstellt von Jürgen Wegner in der SZBZ vom 13.11.20

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