Rückblick auf 100 Jahre Leichtathletik beim VfL Sindelfingen
  04.01.2021 •     Pressemitteilung

Ewald Walker für die Kreiszeitung Böblingen am 31.12.2020: Der VfL Sindelfingen feiert im zu Ende gehenden Jahr 2020 seinen 100. Geburtstag. Die sportliche Bilanz ist mit insgesamt 111 deutschen Meistertiteln beeindruckend, die Liste der erfolgreichen Athleten und Veranstaltungen lang.

 SINDELFINGEN. Die Leichtathletikabteilung des VfL Sindelfingen ist im zu Ende gehenden Jahr 2020 100 Jahre alt geworden, die geplante Feier fiel allerdings Corona zum Opfer. Der Verein hat in seiner Geschichte viel erlebt: sportliche Höhenflüge und organisatorische Glanzleistungen.

Angefangen hat es 1920 ganz bescheiden: Da mussten die Leichtathleten im schwäbischen Sindelfingen im Winter zuerst die Turnhalle mit Holz und Kohle heizen, im Sommer die Wiese draußen mit der Sense mähen. Aus dem Sportplatz wurde 1972 das Floschenstadion mit der vierten Kunststoffbahn in Württemberg, aus der Turnhalle mit dem Glaspalast 1977 die modernste deutsche Leichtathletikhalle mit der ersten festinstallierten Kunststoffbahn in der Bundesrepublik. In den vergangenen 100 Jahren hat sich der VfL Sindelfingen zu einem der ganz großen Vereine in der deutschen Leichtathletik entwickelt.

         

 

 

111 deutsche Meistertitel, allein 56 bei den Aktiven, wurden von Athleten im weiß-blauen VfL-Trikot geholt. Neben den sportlichen Erfolgen hat Sindelfingen mit der Ausrichtung von insgesamt 27 deutschen Meisterschaften eine organisatorische Glanzleistung zustande gebracht, besitzt damit ein Alleinstellungsmerkmal in der deutschen Leichtathletik.

Top-Athleten und Top-Veranstaltungen: "Das war immer unsere Philosophie", sagt Dieter Locher, seit Mitte der 90er Jahre als Veranstaltungsleiter in Sindelfingen und in der württembergischen Leichtathletik für kleine und große Veranstaltungen zuständig, "neben Top-Athleten in Sindelfingen auch Top-Veranstaltungen anzubieten." Die Motoren der Sindelfinger Leichtathletik waren Otto Welker, Hans Jooß und Dieter Gauger. Welker war 28 Jahre lang als VfL-Abteilungsleiter der Wegbereiter der modernen Leichtathletik in der Mercedes-Stadt. Er war als Schatzmeister im Deutschen Leichtathletikverband (von 1990 bis 2001) auch national aktiv. Jooß leistete im Veranstaltungsbereich Kärrnerarbeit: Er war 1993 bei der Weltmeisterschaft in Stuttgart Teil des Organisationsteams. Gauger prägte die Abteilung 15 Jahre lang und erlebte 1987 das sportlich erfolgreichste Jahr der VfL-Leichtathleten mit elf DM-Titeln. Nur acht Abteilungsleiter in 100 Jahren stehen für personelle und organisatorische Kontinuität.

Die Liste bekannter Sindelfinger ist lang, ihre Erfolgsserie ist beeindruckend. Neun Athleten nahmen an Olympischen Spielen teil: Heidi-Elke Gaugel gewann 1984 in Los Angeles Bronze mit der 4 x 400-Meter-Staffel. Martin Weppler wurde ebenfalls 1984 Fünfter im Zwischenlauf mit der 4 x 400-Meter-Staffel. Bronzemedaillen-Gewinner Jörg Vaihinger (4 x 400 Meter) startete 1988 in Seoul und 1992 in Barcelona. Ulrike Sarvari wurde 1988 in Seoul Vierte mit der 4 x 100-Meter-Staffel und Fünfte im 100-Meter-Halbfinale. Andrea Thomas belegte 1988 in Seoul zwei vierte Plätze über 4 x 100 Meter und 4 x 400 Meter, wurde vier Jahre später in Barcelona Fünfte mit der 4 x 100-Meter-Staffel und erreichte über 200 Meter das Halbfinale. Stephanie Kampf war 2004 in Athen über die 400 Meter Hürden am Start. Birgit Hamann (ehemals Wolf) wurde 1992 in Atlanta Zwischenlauf-Fünfte über 100 Meter. Nadine Hildebrand erreichte 2016 in Rio de Janeiro das Halbfinale über 100 Meter Hürden. Kugelstoßer Tobias Dahm schied ebenfalls in Rio im Vorkampf aus. Werner Späth war als Bundestrainer der 4 x 100-Meter-Staffel 1988 in Seoul dabei.

Sprinthochburg VfL Sindelfingen: Maßgeblichen Anteil daran hatten vor allem Heidi-Elke Gaugel und Ulrike Sarvari. Sie dominierten in den 80er Jahren den Frauensprint im DLV. Gaugel (17) und Sarvari (18) sammelten zusammen 35 deutsche Meistertitel über 60, 100, 200 und 4 x 100 Meter. Mit Olympia-Bronze 1984 in Los Angeles und EM-Silber (4 x 400 Meter) 1986 in Stuttgart ist Heidi-Elke Gaugel zudem die erfolgreichste VfL-Athletin der Vereinsgeschichte. Mit Gaugel, Sarvari, Andrea Thomas und Birgit Wolf standen 1987 gleich vier Olympiateilnehmerinnen in der deutschen Meister-Staffel des VfL - ziemlich einmalig in der deutschen Leichtathletik.

"Der VfL war meine zweite Heimat, hier bin ich aufgewachsen und mit meinem Trainer Werner Späth durch dick und dünn gegangen", sagt die inzwischen 61-jährige Bankangestellte im Rückblick, "der VfL hat mir alle Voraussetzungen für meine sportliche Karriere geboten." Ulrike Sarvari krönte ihre Karriere mit der Olympiateilnahme in Seoul, wo das westdeutsche Quartett nur um eine Hundertstel die Bronzemedaille verpasste, und bei den Hallen-Europameisterschaften 1990 in Glasgow, als sie Doppel-Europameisterin über 60 und 200 Meter wurde. "Der VfL Sindelfingen war immer ein Großverein mit familiären Strukturen und Bindungen, in der Werner Späth ein unheimlich empathischer Trainer und eine geschätzte Vertrauensperson war", sagt die 56-jährige Kunstlehrerin an einer Gemeinschaftsschule heute.

Meistermacher Werner Späth: Immer wieder taucht also der Name des Trainers Werner Späth auf, wenn es um Qualität und Erfolge in Sindelfingen geht. Über 50 Jahre ist der Meistermacher im VfL engagiert und hat es bis heute geschafft, zahlreiche Athleten in die nationale oder internationale Spitze zu bringen. Späth schrieb bei den Weiß-Blauen eine Erfolgsgeschichte. Auch Athletinnen wie Birgit Hamann (früher Wolf), Stephanie Kampf und Nadine Hildebrand führte er zu den Olympischen Spielen. Der Bogen spannt sich bis 2019 und 2020, als Späth-Schützling Carolina Krafzyk über 400 Hürden Hürden zweimal deutsche Meisterin wurde und aktuell Tokio 2021 im Blick hat.

"Ich habe in diesem Verein viele Beziehungen und Unterstützung erfahren", betont Nadine Hildebrand, fünffache deutsche Meisterin und aktuell Aktivensprecherin im DLV-Präsidium ihre Wertschätzung für den schwäbischen Verein. Sie habe in dieser Zeit im Leistungssport so viele Fähigkeiten vermittelt bekommen, die für sie noch heute als Juristin von Bedeutung sind.

Glaspalast ein Meilenstein: Der Bau des Glaspalasts 1977 war für die Weiterentwicklung der Sindelfinger Leichtathletik ein echter Meilenstein. "Diese tolle Halle gab uns einen großen Aufschwung, sowohl sportlich als auch im organisatorischen Bereich", blickt Dieter Locher zurück. Der VfL brachte 1978 und 2005 das Kunststück fertig, binnen einer Woche im Glaspalast die deutschen Jugend- und Aktivenmeisterschaften auszurichten. Eine echte Meisterleistung. Neben unermüdlichem Einsatz war hierfür ein großes ehrenamtliches Potenzial erforderlich. Darunter waren viele ehemalige Aktive, die dem Verein etwas zurückgeben wollten.

Für Glanz sorgte vor allem die Hallen-Europameisterschaft 1980 im Glaspalast. Der inzwischen verstorbene, altehrwürdige Leichtathletik-Redakteur Heinz Vogel schrieb in seinem Kommentar damals: "In der herrlichen Sindelfinger Halle wurde zwei Tage Leichtathletik zelebriert. Für die Leichtathletik ist der Werbe-Effekt dieser Hallen-EM nicht hoch genug einzuschätzen." Die Senioren-Weltmeisterschaften 2004 mit 2600 Teilnehmern aus 56 Ländern wurden ein olympisches Ereignis, das bis heute nachwirkt. Weil der DLV aus Marketing-Gründen inzwischen allerdings sechs Rundenbahnen für die nationalen Titelkämpfe fordert, war Sindelfingen mit den vier Bahnen aus dem Rennen, nur Leipzig und Dortmund erfüllen noch diese Vorgabe.

             

 

Sieben Weltrekorde beim IHS: Sportliche Erfolge, organisatorische Highlights - und dann kam 1979 mit dem Internationalen Hallensportfest (IHS) ein Sahnehäubchen in den Glaspalast dazu. Meetingmacher Herbert Bohr, der heute als Grandseigneur der Sindelfinger Leichtathletik gilt, gelang es, Leichtathletik auf Weltniveau zu präsentieren. Sieben Weltrekorde wurden beim IHS erzielt: Thomas Schönlebe lief den bis heute gültigen deutschen Rekord mit 45,05 Sekunden, Rekordjäger Haile Gebrselassie erzielte beim IHS seinen ersten Hallen-Weltrekord über 5000 Meter (13:10,98 Meter), Sprint-Diva Merlene Ottey zog die Augen der Zuschauer nicht nur wegen ihres 200-Meter-Weltrekords (22,24) auf sich. 1994 lief Weltmeister Colin Jackson mit 7,30 Sekunden einen "Weltrekord für die Ewigkeit", der bis heute in den Annalen steht. Am Ende der 24. Auflage betrug der Etat 500 000 Euro. "Der Terminkalender gab am Ende nichts mehr her für uns, und wir haben die IHS-Geschichte 2003 beendet", erinnert Bohr mit Wehmut an diese glanzvolle Zeit. Als 1988 der spätere Dopingbetrüger Ben Johnson im Glaspalast auflief, war die Halle mit 4500 Zuschauern proppenvoll. Noch heute lacht man in Sindelfingen verschmitzt darüber, dass der große Sergej Bubka für lächerliche 2000 Mark beim IHS startete. Der Grund: Bubka wurde eigentlich nach Stuttgart für den Sparkassencup verpflichtet, eine Trainingseinheit führte den Überflieger in den Glaspalast und ins IHS.

Für die Zukunft gut aufgestellt: Die deutsche Hürdenmeisterin Birgit Hamann leistet mit ihrer 2000 gegründeten Talentschule "Speedy", in der sie mit ihren Trainern derzeit 180 Kinder und Schüler betreut, qualifizierte Basisarbeit im Nachwuchsbereich.

Seine Zukunftsfähigkeit beweist der VfL auch mit Paul Specht als deutscher Jugend-Hallenmeister über 3000 Meter, während die U20-Juniorinnen Kim Bödi, Antonia Greb und Mia Jurenka den Mannschafts-Titel bei der Heim-Cross-DM gewannen.

Nach den bescheidenen Anfängen auf der Wiese vor 100 Jahren ist der VfL Sindelfingen Anfang 2020 mit der Cross-DM also wieder ins Freibad und damit ins "Grüne" zurückgekehrt.

Artikel als Seite des e-Papers vom 31.12.20.

Kreiszeitung Böblingen

erstellt von Ewald Walker in der Kreiszeitung Böblingen.

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