Rolf Österreich - der betrogene Weltrekordler
  31.12.2022 •     Wettkampf Pressemitteilung

Eine Legende: Rolf Österreich - einst mit 22,17 m einen Weltrekord im Kugelstoßen erzielt - der aber in der DDR nicht anerkannt wurde. Ein Überzeigter Vertreter der Drehstoßtechnik.

Nicht nur Insider des Sports mit den schweren Kugeln kennen Rolf Österreich. Ein in der DDR verkannter Sportler, der als einer der ersten die Drehstoßtechnik perfektionierte. Rolf Österreich war ein intensiver Wegbegleiter von Simon Bayer und anderen Drehstößern. Nun ist er verstorben. Martin Gratzer (oftmaliger Besucher unserer Sportfeste im Glaspalast) widmet ihm auf facebook einen persönlichen Nachruf.

Martin Grazer:

Nachruf für Rolf Oesterreich

Ich bin grundsätzlich kein Freund von langen Social Media Postings oder Nachrufen und offen gesagt auch nicht gut darin.

In diesem Fall mache ich jedoch eine Ausnahme für einen besonderen Menschen.

Gestern musste ich leider erfahren, dass mein langjähriger Kugelstoßtrainer Rolf Oesterreich uns für immer verlassen hat.

Rolf war nicht nur ein außergewöhnlicher Sportler, sondern ein außergewöhnlicher Mensch, auf den ich in Folge etwas genauer eingehen will.

Sportliche Karriere:

Rolf schaffte als Sportler das aus meiner Sicht Unmögliche, er erzielte 1976 mit 22,11m einen neuen Weltrekord im Kugelstoßen. Dies ist umso bemerkenswerter, da er dies mit einer Größe von 1,8m und knapp 100kg (somit ca. 15-25cm und 20-40kg unter den Gardemaßen eines Paradestoßers) geschafft hat. Möglich wurde diese Leistung nur, weil Rolf nicht wie die anderen Kugelstoßer aus der DDR auf die damals alltägliche Angleittechnik sondern auf die neuartige Drehstoßtechnik setzte. Die Drehstoßtechnik, die im Jahre 2022 vom Großteil aller Kugelstoßer eingesetzt wird, war in den 70er Jahren alles andere als gängig. Zusätzlich darf ich für die „jüngeren Generationen“ festhalten, dass der Rekord in der „Hochzeit“ des kalten Krieges ( kein wirklicher Informationsfluss zwischen den verfeindeten Blöcken, „Pre Internet Ära“) erzielt worden ist. Meiner Erinnerung nach hat Rolf die Drehstoßtechnik das erste Mal bei Alexander Baryschnikow und Brian Oldfield gesehen und diese dann für seine eigenen Zwecke und basierend auf seine körperlichen Vorrausetzungen adaptiert.(àin Wahrheit handelt es sich bei genauerem Hinsehen um sehr unterschiedliche Interpretationen der Drehstoßtechnik)

Auf den Punkt gebracht hat Rolf mit extremer Verbissenheit/Disziplin und viel „Kreativität“ (er hat quasi eine neue Technikvariante erfunden) den Deutschen Turn- und Sportbund eine „Lehre erteilt“. Laut dem DTSB war er grundsätzlich viel zu klein für einen Kugelstoßer und wie man später erfuhr auch nicht 100% linientreu“ hinsichtlich der DDR. Somit durfte der Weltrekord „einfach nicht sein“.

Die Freude währte daher nur kurz, da der Weltrekord seitens DTSB nicht anerkannt wurde. Somit blieben Rolf in Folge Teilnahmen bei WMs und Olympischen Spielen incl. möglicher Medaillen verwehrt und er kämpfte viele Jahrzehnte um die Anerkennung seiner herausragenden sportlichen Leistungen.

Karriere als Trainer:

Rolf hatte es aufgrund seiner Geschichte als Sportler und der Tatsache, dass auch nach Ende der DDR viele Funktionäre des DTSB weiterhin wichtige Positionen innehatten, nicht leicht, als Trainer Fuß zu fassen. Die größten Erfolge (basierend auf die Leistungssteigerungen) erzielte er sicherlich mit Athleten aus dem „Schwabenland“, hier gab es eine enge Kooperation u.a. mit dem VFL Sindelfingen. Aus meiner Sicht (und ich denke, in den letzten Jahren hat sich diese Ansicht auch durchaus in Deutschland durchgesetzt) gehörte Rolf Oesterreich zu den Koryphäen im Bereich Drehstoßtechnik und hat neben Sportlern auch viele andere Trainer direkt oder indirekt beeinflusst.

Mehr zu seiner (meiner Meinung nach „verfilmungsreifen“) Karriere als Sportler und Trainer findet man unter u.a.

https://www.spiegel.de/.../sportlerschicksal-fotostrecke... | und http://archiv.oelv.at/.../Newsletter/nachrichten%2002_07.pdf

Der gesamte Artikel auf facebook.com!

Meine persönlichen Erlebnisse mit Rolf:

Ich erinnere mich noch gut an die vielen Jahre der Zusammenarbeit mit Rolf. Trotz meiner limitierenden genetischen Vorrausetzungen nahm Rolf mich (ohne nennenswerte Chancen, aus meinen Leistungssteigerungen irgendwie Profit zu erzielen) unter seine Fittiche und trainierte mich viele Jahre unentgeltlich. Zusätzlich ließ er sich auch von gesundheitlichen Problemen nicht stoppen (ich erinnere mich noch gut an ein Trainingslager in Chemnitz als es ihm sehr schlecht ging. Er ließ sich aber von nichts und niemanden stoppen, um mich trotz allem stundenlang zu coachen. Die Leichtathletik uns sein Wunsch zu helfen war seine Leidenschaft!) Auch seine liebenswerte Familie nahm mich im Zuge meiner regelmäßigen Besuche sehr herzlich auf und ich denke mit Freude an die gemeinsamen Grillabende nach anstrengenden Trainingstagen zurück. Seine Besuche in Kärnten und Wien bleiben mir ebenfalls für immer in Erinnerung.

Schlussendlich habe ich es ihm zu verdanken, dass ich meine Bestleistung von 16,82 auf 18,72m steigern konnte. Leider blieb ihm (als Trainer) und mir (als Athlet) die Teilnahme an einer Europameisterschaft verwehrt. Dies lag aber allein an mir und nicht an seinen Coachingfähigkeiten, denn im Training gelang es mehrfach, die notwendige Qualiweite zu erzielen. Darüber hinaus jedoch, und das ist viel wichtiger, lehrte er mich, dass ein unbändiger Wille/Glaube wirklich Berge versetzen kann, wie er es eindrucksvoll aufgezeigt hat. Damit wird er für mich immer als Vorbild (sowohl sportlich als auch menschlich) in Erinnerung bleiben.

Lieber Rolf, danke für ALLES, du bleibst unvergessen!

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Martin Gratzer war lange Zeit einer der besten Kugelstoßer in Österreich. Die Verbindung mit der Gruppe um Peter Salzer und Arthur Hoppe war immer sehr intensiv. Viele Male war er zu Gast bei den Sportfesten und Meisterschaften im Sindelfinger Glaspalast.

Bei der Jahresabschlussfeier der Leichtathleten im Dezember 2016 war Rolf Österreich Ehrengast und wurde vom Abteilungsleiter Markus Graßmann gebührend geehrt. Mit dabei Martin Grazer und Arthur Hoppe.

Diese Folie war Teil der Präsentation zum Abschlussabend 2016!

erstellt von Martin Gratzer auf facebook / Dieter Locher

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