Ein persönlicher Nachruf für Hebo
  02.06.2021 •     Veranstaltung Pressemitteilung

Dieter Locher: Herbert Bohr – von allen Hebo genannt – ist nach längerer Krankheit im Alter von 87 Jahren am 1. Juni 2021 verstorben. Als langjähriger Begleiter in unserer Leichtathletik und als väterlicher Freund möchte ich nachfolgend einen persönlichen Nachruf verfassen.

Im Jahr 1974 warb Hebo um meine damalige Freundin, Angelika Thomé, sich von der LG Enz 72 zu trennen und den Sindelfinger Mädchen beizutreten. Dies war recht abenteuerlich, da ein Vereinswechsel unter dem Jahr nur mit Tricks und Raffinesse zu bewerkstelligen war. Ein Wohnungswechsel zu Wolfs nach Magstadt war da ein legaler Anlass. So startete Angelika bereits im August für den VfL Sindelfingen. Da die Fahrten von Calmbach nach Sindelfingen dann doch sehr aufwändig waren – ich habe zeitgleich in Karlsruhe mit dem Studium begonnen. Entschieden wir uns gemeinsam nach Sindelfingen zu ziehen. Durch Vermittlung von Herbert Bohr und Dieter Gauger fanden wir auch eine kleine Wohnung in Maichingen. Ohne Dusche und Bad – dafür gab es ja das Stadion – dafür die erste eigene Wohnung. Seit 1975 fühlen wir uns als Sindelfinger und sind fester Bestandteil der Leichtathletik-Familie. Den Lebensunterhalt als Student verdiente ich mir dabei mit Zeitungausfahren. Hebo war „Chef“ des Z-Druck in Sindelfingen und hatte für mich, für Angelika und in der Folge noch für viele Athletinnen und Athleten Jobs bei der Herstellung der Zeitungen im Z-Druck zur Verfügung. Kaum jemand aus meiner Generation, der dort nicht für eine gewisse Zeit gejobbt hätte. Zeitungausfahren begleitete mich dann viele Jahre. Von 2:00 Uhr bis 6:00 Uhr war Arbeit. War ich schneller, war das mein „Verdienst“. Auch weitere Jobs bei Röhm waren die Folge: ich war in der Buchbinderei (bei dem legendären Herrn Daiss) und habe sogar eine Zeit lang als Bleigießer die Druckvorlagen erstellt. Die Sindelfinger Zeitung – dafür stellvertretend Herbert Bohr – ist ein bedeutender Teil meines Lebens in den 80er Jahren.

Völlig perplex war ich zu Beginn, nachdem mir Herbert seine Erreichbarkeit offenlegte: von 23:00 Uhr bis 06:00 Uhr beim Z-Druck, ab ca. 11:00 Uhr im Verlag und sonst – wenn auch selten – zuhause. Also praktisch immer. Das hatte mich schwer beeindruckt.

Auch seine Töchter, Marina und Karen, waren an die Leichtathletik gebunden. Sie gehörten zu den Jugendgruppen dazu. Es war halt die Familie.

Der soziale Zusammenhalt wurde nicht zuletzt durch die vielen Feste und Begegnungen zementiert. Ich erinnere mich an die vielen Diskussionen – vor allem politisch mit „Eichi“ geführt- die nach dem Training in der Stadiongaststätte abliefen, meist unterbrochen durch „Ich muss jetzt ins Geschäft…“. Oder die Feier seines 79.Geburtstag („… den 80. Kann jeder,“) in der Cafeteria der Gottlieb-Daimler-Schule mit vielen Ehemaligen aus dem langen Engagement von Hebo. Höhepunkt war aber die Ankündigung des 80. Geburtstages. Lapidar: „Ich feiere den Geburtstag in der Piano-Bar in Bukarest, wer kommen will ist eingeladen“. Es dauerte wahrscheinlich keine Stunde, da waren schon von vielen Sindelfinger Leichtathleten die Flüge und die Hotels für Bukarest gebucht. So verlebte eine illustre Schar von uns schöne Tage in der rumänischen Hauptstadt. Neben dem Casino-Besuch (Hebo war „Systemspieler“ – da durfte man ihm nicht reinreden) und einer launigen Geburtstagsfeier in einer Keller-Bar in Bukarest – der Piano Bar. Höhepunkt, eine Besichtigung des berüchtigten Palastes von Nicolae Ceaușescu. Was für ein Protz!

Neben seinem sozialen Engagement war Herbert auch Unternehmer. Viele Jahre war er für den Vertrieb der Zeitung zuständig. Hebo und ich waren auch dabei, als die „Sonntag Aktuell“ eingeführt wurde. Wir sind am Sonntag rumgefahren und haben die Exemplare verteilt. Nach seiner Zeit bei Röhm machte er sich mit dem „Bohr-Versand“ selbständig und arbeitete für verschiedenen Auftraggeber bei der Verpackung und dem Versand von Druckerzeugnissen.

Druckerei und Zeitungen waren sein Ding. In den Anfangszeiten der Veranstaltungen im Glaspalast erstellten wir Programmhefte und Ergebnislisten noch manuell. Viele Hände waren notwendig. Hebo organisierte das alles. Gearbeitet daran haben dann allerdings andere. Das konnte er wie kaum ein anderer: Aufträge verteilen und andere einspannen. Die einen mit Lust, die anderen mit Frust. Für die Abteilung kreierte er das Heft „Stadion“ mit Berichten Bestenlisten und Informationen. Dieses Heft ging dann über in den „Tempolauf“, den ich jetzt sein 1987 zusammenstelle und erstelle. Seit über 10 Jahren unter der Anleitung von Herbert Bohr. Viele Ideen und noch mehr Korrekturen galt es seitdem umzusetzen. Jedoch kann sich das Produkt sehen lassen. Das das letzte Heft (2020) nur in kleiner Stückzahl gedruckt wurde und ansonsten online zur Verfügung steht war nicht in seinem Sinne.

Seit Mitte der 70er Jahre war Herbert der Mittelpunkt der Leichtathletik. Er hatte sich eine Jugendgruppe – hauptsächlich aus Mädchen – aufgebaut. In der Folge kamen – da die Mädchen sehr attraktiv waren – auch männliche Leichtathleten dazu. Die Gruppen wurden immer stärker. Sowohl was die Zahl anbelangte als auch was die Leistungsstärke anging. Aus den Mädchen wurden Frauen und auch hier war der Zugang nach Sindelfingen groß. Mit dem „Macher“ Herbert Bohr wollten viele zusammenarbeiten.

Sport und Training war das Eine, aber der Rahmen darum das vielleicht Wichtigere. Trainingslager auf Texel (NL) oder Vittel (FRAU) oder Gran Canaria waren ohne Hebo nicht vorstellbar. Er war der Treiber, Organisator und Mittelpunkt. Zu früheren Zeiten auch noch als aktiver Läufer!

Nach seinem Ausscheiden als Geschäftsführer der Leichtathletik-Abteilung initiierte er mit großem Erfolg den Club: Freunde Sindelfinger Leichtathleten (FSL). Sein Ziel: attraktive Angebote für ehemalige Athleten, für Sponsoren und sonstige Interessierte zu schaffen. Zwar hauptsächlich zur Geld-Akquise für die Leichtathletik, aber auch als kultureller Kreis. Unzählige Reisen zu allen möglich Leichtathletik-Events wurden organisiert. Es gab feste Reisegruppen, die mit Hebo überall hin gefahren sind. Unsere letzte Tour – vielleicht auch die interessanteste – war der Besuch der EM in Zürich. Vielleicht hatten sich einige mehr von Nadine Hildebrand erhofft – aber beim gemeinsamen Fest im Athletenhotel war eine tolle Stimmung. Die Moderation übernahm ein alter Bohr-Vertrauter: Wolf-Dieter Poschmann.  Zentraler Mittelpunkt der Aktivitäten des FSL ist jedoch das „Martinsgans-Essen“ oder jetzt neudeutsch: „Martinsgans-Brunch“. Seit vielen Jahren trifft sich der informelle Club im Hotel Erikson und feiert die Erfolge der Leichtathletik in Sindelfingen. Eine Tradition, die hoffentlich noch eine lange Fortsetzung erfährt.

Hebo war in allen Angelegenheiten immer der Mittelpunkt – obwohl er dies wohl gar nicht so anstrebte. Er war Ideengeber und Initiator. Jeder in seinem Umfeld unterstützte ihn nach Kräften. Die bekannte „Jogging-Gruppe“ innerhalb der Abteilung ist so alt wie die meisten deren Mitglieder: Sie besteht hauptsächlich aus den ehemaligen Jugendlichen der früheren Trainings- und Wettkampfgruppen – seit den 80er Jahren bis heute. Dazugekommen sind die Angehörigen und deren Freunde zu der Gruppe. Ursprünglich wollte man sich einmal in der Woche zum gemeinsamen Sporttreiben treffen (Laufen, Walken, Volleyball-Spielen). Aus Altersgründen ist daraus jetzt eher ein „Stammtisch“ geworden. Die Zusammenkünfte sind wie eh und je am Dienstagabend. Die Lokalität wird meist – oft auch kurzfristig – von Hebo bestimmt. Und alle kommen! Der Zusammenhalt der Jogging-Gruppe ist legendär. So stellen diese Personen auch meist das „Gastroteam“ bei unseren vielfältigen Veranstaltungen. So stellt man sich Vereinsleben vor.

Es gab eine Zeit ohne Computer und ohne Internet. Jedoch war Hebo immer bei den ersten, die sich mit der neuen Technologie auseinandersetzten. Der gründete schon in den 80er Jahren eine Informationsplattform: Leichtathletik Informations Dienst (LID). Die Anfänge waren mit der üblichen BTX -Technik der Telekom (oder Post…) möglich. Er hatte schon immer die Vision: Veranstaltungen-Leistungen-Ergebnisse-Informationen über die Leichtathletik aus einer Hand. Lange bevor es Internet und die diversen Homepages gab. Bis vor Kurzem war er stets an neuen Techniken interessiert. Er war einer der ersten, der viele Aufgaben mit dem Tablet erledigte. Oft durfte ich ihm den Rechner, den Router oder sonstige Zugänge einrichten, damit der mit der Welt kommunizieren konnte. Der bekannte Newsletter der „Freunde“ ist von ihm entworfen, erstellt und versandt. Über 500 Mailadressen hatte er mittlerweile gesammelt. Alles, was in der Sindelfinger Leichtathletik jemals von Bedeutung war. Als ich von ihm im letzten Jahr diese Funktion übernommen habe, staunte ich nicht schlecht, wer sich auf den Newsletter alles persönlich meldet.

Ausführungen zu Hebo ohne IHS wären nur ein halbes Leben. Nachdem der Glaspalast 1977 in Betrieb ging, initiierte Hebo schon 1979 ein Sportfest mit internationalem Flair – auch zur vorbereitung auf die Hallen-Europameisterschaften 1980 im Glaspalast. Aus diesem ersten „Internationalen Hallen Sportfest“ wurde das IHS – eine Marke, die die Sportwelt kennt. Nach 24 Ausgaben dieses Meetings fehlte zum Abrunden nur noch eins – es wird leider unvollendet bleiben.

Wer war nicht alles in Sindelfingen. Es ist kaum aufzuzählen welche Weltklasse-Athletinnen und Athleten die Rundbahn im Glaspalast bevölkerten. Es gab Weltrekorde, es gab Jubel, es Partnerschaften und Geschäftsverbindungen durch und beim IHS. Die Mitglieder Leichtathletik-Abteilung waren zunehmen als Mitarbeiter, Helfer und günstige Unterstützer beteiligt. Es gab zum Teil auch Frust: Leichtathletik ist für die Athleten – jedoch nicht zunehmend für die Medien. Dieses Dilemma konnte nie ausgeräumt werden – bis heute. Jedoch wurden alle immer belohnt, wenn sie nach dem Sport zur „Aftershow-Party“ eingelassen wurden. Was man dort alles erleben durfte, war die ganze Mühe allemal wert. Insbesondere die Zusammenkünfte mit den Top-Athleten im Ramada oder der Judohalle oder im Aramis in Gültstein. Die Zeit gemeinsam mit Merlene Ottey war schon etwas ganz Besonderes – auch für den OB Burger, der dies auffallend genossen hatte.

Das IHS als Familiensportfest am Sonntagmittag war die Idee von Hebo. Volles Haus und viel Fernsehzeit waren das Ergebnis. Firmen konnten ihre Mitarbeiter und deren Familien einladen und bei Sport und Kaltem Buffet den Sonntag genießen. Puristen hat das wohl nicht so gefallen, war aber sehr erfolgreich.

Nach und nach kamen auch andere Hallen zu den Veranstaltern dazu. So gab es das Sparkassenmeeting in Stuttgart oder das Hallenmeeting in Karlsruhe. Sie waren alles Konkurrenten und auch Partner. Man teilte sich die Kosten und hatte TOP-Athleten am Start. Zwischen den „Auftritten“ mussten die Athleten ja auch unterhalten werden. So gab es in Sindelfingen und im Glaspalast immer wieder Begegnungen mit Olympiasiegern und Weltmeistern, die unter der Woche vor Ort waren, um am Wochenende ihr „Arbeit“ zu erledigen. Wir hatten z.B. das Vergnügen, eine Woche lang mit zwei Weltrekordlerinnen: Vali Ionescu und Anisoara Cuzmir im Glaspalast zu trainieren. Seither weiß ich: Weitsprung Training fängt damit an, dass man die Grube wässert……!

Auch Erlebnisse mit anderen Sportlern sind für das IHS von Belang. So war die Weltklasse Stabhochspringerin Swetlana Feofanowa einige Zeit in Sindelfingen. Da sie und ihr Betreuer nur russisch sprachen, konnte mit Heinrich Renz aus Sindelfingen ein sportbegeisterter Mann gewonnen werden, die die beiden in der Zeit betreute und alle Übersetzungen durchführte.

In den 90er Jahren – nach der Wende – waren viele Sportler aus Jena, Gera und der früheren Heimat von Herbert Bohr in Sindelfingen. Mit Heike Drechsler konnte ich sogar einmal eine Betriebsbesichtigung bei Hewlett Packard unternehmen. Die Delegation der DDR staunte nicht schlecht, als sie die Arbeitsbedingungen in einem deutschen Industriebetrieb erleben durften: „.. und was hatten wir….“.

Mit den Olympiateilnehmern aus Jena und Thüringen wollte Hebo dann im Stadion ein Abendsportfest aufziehen. Die Presse und das Fernsehen hatten großes Interesse an diesem Meeting. Soweit lief das auch – allerdings hatten dann kurzfristig einige Spitzenkönner ihre Teilnahme gestrichen. So schnell hatte ich noch nie ein Fernsehteam und deren gesamtes Equipment verschwinden sehen. Der Abend im Stadion war dann allerdings noch sehr lang und viele Kontakte zu Trainern und Athleten aus der „ehemaligen DDR“ bestehen bis heute.

Obwohl Hebo 20 Jahre älter ist als ich, hatte ich nie den Eindruck, mit einem „Alten“ zu arbeiten. Im Geiste war er jung, spontan, kreativ, visionär. Beeindruckend seine politische Grundhaltung. Was hat es immer Diskussionen mit Ingrid Balzer von den Freien Wählern gegeben, wie haben die sich oft gezofft. Hebo hatte eine soziale, links orientierte Einstellung. Seine Sicht der Dinge hatte auch auf mich großen Einfluss gehabt. Mit großer Anerkennung hatte er nach der Flüchtlingskriese in Deutschland und dem Aufkommen der AfD die Aktion „Wir gegen Rechts“ gegründet. In der Anzeige nehmen immer mehr Bürger Stellung gegen vermeintlich rechte Gesinnung in unserer Gesellschaft. Dafür sei Hebo aufrichtig gedankt.

erstellt von Dieter Locher

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