Bei der Bank geht's nicht immer ums Geld
  20.11.2020

Karlheinz Reichert in der SZBZ vom 20.11.20: Als sich am 25. Juli 1960 bei Bank-Vorstand Adolf Renz ein ehrgeiziger junger Mann vorstellt, der am nächsten Tag beim Training im Floschenstadion auftaucht, ahnt man weder bei der Volksbank Sindelfingen noch bei den Sindelfinger Leichtathleten, dass dies der Ausgangspunkt für eine spätere, jahrelange und für beide Seiten fruchtbare Verbindung ist.

Der junge Mann war Ernst Gießler, der 1967 als stellvertretendes Vorstandsmitglied in das Führungsgremium der Volksbank berufen und 1976 Vorstandsvorsitzender wurde. 1969 wechselte der Mehrkämpfer von den Aktiven als Kassier in die Funktionärsriege der VfL-Leichtathletikabteilung. 19 Jahre lang war er Herr der Einnahmen und Ausgaben der Leichtathleten.

1954 bei den Europameisterschaften in Bern (Schweiz) wurde der 16-Jährige mit dem Leichtathletik-Bazillus infiziert. Als Jugendlicher qualifizierte er sich im 1000-m-Lauf für die deutsche Meisterschaft in seiner Altersklasse, und im Fünfkampf gewann er die badische Juniorenmeisterschaft. Im südwürttembergischen Pfullendorf wurde er bereits mit Funktionärsaufgaben konfrontiert. Er war dort allein im Verein. „Ich musste dort alles selber organisieren und machen“, sagt er rückblickend. Als 22-Jähriger kam Ernst Gießler allerdings nicht des Sports wegen nach Sindelfingen. Sondern die Volksbank bot ihm die Möglichkeit, berufsbegleitend an der Bankakademie in Stuttgart zu studieren.

Dass die Volksbank in den 1980er-Jahren zum Hauptförderer der Sindelfinger Leichtathleten und für Sportler weit über die Region hinaus attraktiv wurde, hatte freilich weniger mit Geld zu tun, sondern viel mehr mit Beziehungen. „Als Kassier sind halt immer wieder Athleten zu mir gekommen, die ein Zimmer gesucht haben, ein Zuhause oder eine Lehrstelle oder auch einen Job“, erinnert sich der 82-Jährige.

Und manchmal kam auch ein Trainer oder ein Funktionärskollege aus der Abteilungsführung auf ihn zu – wie im Fall von Anita Berens (später: Apuzzo). Die Sindelfingerin wurde 1972 Deutsche Jugend-Hallenmeisterin (auf der Holzbahn in der Böblinger Sporthalle) und sorgte so für die erste Goldmedaille der VfL-Athleten bei einer deutschen Meisterschaft. Die schnelle Mittelstrecklerin arbeitete im damaligen Sindelfinger Modehaus Seeger. Dabei stand sie den ganzen Tag im Laden, was nun einer Läufermuskulatur alles andere als zuträglich ist. „Gibt es für sie nicht einen Arbeitsplatz, bei dem sie sich auch mal hinsetzen kann?“, wurde Ernst Gießler gefragt. Den Job gab es – bei der Volksbank. Und das für 33 Jahre.

„Verlässlich und zielstrebig“

Von auswärts kamen unter anderen Mittel- und Langstreckenläufer Martin Stähle aus Friedrichshafen, der von der Volksbank einen BA-Studienplatz erhielt, und Langsprinter Jörg Vaihinger aus Dortmund, der 1985 einen Ausbildungsplatz suchte und heute bei den Vereinigten Volksbanken (dem Nachfolgeinstitut der Volksbank Sindelfingen) als Firmenkundenbetreuer im Bereich Immobilien arbeitet.

„Wir haben in den 80er-Jahren Leute gebraucht, und die Personalverantwortlichen in unserem Haus haben das immer unterstützt, wenn ich mit einer Bewerbung kam“, sagt Ernst Gießler. Offensichtlich aus gutem Grund. Der ehemalige Vorstandsvorsitzende: „Mich hat von all‘ denen nie einer enttäuscht. Sie waren alle verlässlich und zielstrebig.“

„Der Sport stand für mich an erster Stelle. Aber natürlich habe ich mich bei der Ausbildung ins Zeug gelegt. Ich fühlte mich Ernst Gießler gegenüber in der Verantwortung, denn er hat mich schließlich in die Volksbank reingebracht“, blickt Jörg Vaihinger zurück, der, als er nach Sindelfingen kam, bereits eine Silbermedaille von der Weltmeisterschaft 1983 (4 x 400-m-Staffel) in seiner Trophäensammlung hatte. Vaihinger besaß bereits einen Ausbildungsvertrag bei der Dresdener Bank in Dortmund, als er sich entschied, seiner damaligen Freundin zuliebe in den Großraum Stuttgart zu ziehen. Die Sindelfinger 4 x 400-m-Staffel und der Ausbildungsplatz bei der Volksbank gaben den Ausschlag für den VfL. Als Sindelfinger gelang ihm mit Platz drei bei den Olympischen Spielen 1988 in Seoul sein größter sportlicher Erfolg. Außerdem war er 1986 und 1990 Vize-Europameister (jeweils mit der deutschen 4 x 400-m-Staffel).

Die Volksbank bot Vaihinger aber nicht nur einen Ausbildungs- und danach einen Arbeitsplatz. Für Trainingslager und Wettkampfeinsätze mit der Nationalmannschaft gab es schon mal Sonderurlaub. Für Trainingsphasen in Sindelfingen habe er das nicht benötigt: „Ich habe siebenmal in der Woche trainiert. Das war mit dem Beruf ganz gut zu vereinbaren.“

Nicht immer, wenn Ernst Gießler um Hilfe gebeten wurde, ging es um die Bank, sondern auch mal „nur“ um seine Verbindungen als Vorstandsvorsitzender. So wechselte 400-m-Läufer Martin Weppler vom VfB Stuttgart zum VfL. Weppler gehört zu den Athleten, die 1980 nicht nur um die Olympiateilnahme in Moskau betrogen wurden, sondern wohl auch um eine Medaille. Die deutsche 4 x 400-m-Staffel mit Weppler galt damals als heißester Kandidat auf Olympiagold.

Martin Weppler begann in seiner Zeit beim VfB Stuttgart eine Ausbildung als Zahntechniker. Doch sein Lehrherr ging Pleite. Hilfe vonseiten des Vereins in der Landeshauptstadt gab es nicht. Dagegen fand Ernst Gießler in Sindelfingen ein Labor, bei dem der Viertelmeiler seine Ausbildung fortsetzen und abschließen konnte. Wenn auch Beziehungen nicht halfen, sprang Ernst Gießler selbst in die Bresche. Hochspringer Andreas Surbeck wohnte zehn Jahre bei ihm zur Miete: „Zu einem moderaten Preis.“

Karlheinz Reichert war selbst zwölf Jahre lang Leichtathlet und weiß daher, wie schwierig es sein kann, Beruf, Alltag und einen trainingsintensiven Sport unter einen Hut zu bringen.

Artikel in der SZBZ vom 20.11.20

Karlheinz Reichert - SZBZ

Karlheinz Reichert war selbst lange Zeit Langstreckenläufer beim VfL Sindelfingen.
Durch seine Arbeit bei der SZBZ kennt er sowohl Wirtschaft als auch Sport in
Sindelfingen und im Kreis Böblingen aus dem FF.

 

Erfolgreich in der Leichtathletik und erfolgreich im Beruf

erstellt von Karlheinz Reichert SZBZ vom 20.11.20

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