Nadine Hildebrand: „Die einzigartige Atmosphäre im Stadion werde ich vermissen“

erstellt von Jane Sichting (zuletzt bearbeitet am 04.09.2018)

Jane Sichting von "leichtathletik.de" im Interview mit Nadine Hildebrand in Berlin:

Nadine verabschiedet sich mit persönlicher Bestleistung

Jane Sichting:

Das ISTAF im Berliner Olympiastadion hat am Sonntag nicht nur Diskuswerfer Robert Harting (SCC Berlin) verabschiedet, sondern auch die mehrfache deutsche Meisterin und Olympiateilnehmerin von 2016 im Hürdensprint, Nadine Hildebrand. Im Interview blickt die 30-jährige Sindelfingerin noch einmal auf ihre Karriere zurück und verrät, wie sie ihr letztes Rennen über die 100 Meter Hürden auf der blauen Bahn erlebt hat.

 

Nadine Hildebrand, Sie haben am Sonntag Ihr Abschiedsrennen über die 100 Meter Hürden bestritten. Haben Sie schon realisiert, dass dies für Sie tatsächlich der letzte Wettkampf in Ihrer langjährigen Sportkarriere war?

Nadine Hildebrand:
Ich glaube, dass ich noch ein bisschen brauche, bis ich kapiert habe, dass ich nicht mehr innen auf dieser Bahn stehen werde. Als ich noch einmal die Ehrenrunde gelaufen bin, habe ich mir gedacht: Hey, guck es dir noch einmal an. Das war das letzte Mal, dass du es so von innen siehst. Vielleicht dauert es bis zum Januar, wenn ich merke, ich mache gar keine Wettkämpfe mehr, bis es so richtig gesackt ist.

Nun sind Sie als Sechste noch einmal 12,97 Sekunden gelaufen. Wie zufrieden sind Sie mit diesem, Ihrem letzten Rennen?

Nadine Hildebrand:
Voll super! Ich bin noch einmal Saisonbestleistung gelaufen. Und ich hatte mit meinem Krafttrainer eine Wette am Laufen: Bei einer Zeit unter 13 Sekunden gibt es eine Pizza. Jetzt habe ich also eine Pizza gewonnen – auch eine schöne Sache. (lacht) Ich bin auf jeden Fall zufrieden. Ich wollte ein Rennen machen, dass ungefähr meinem derzeitigen Leistungsvermögen entspricht und mit dem ich zufrieden sein kann und nicht denke, hättest du mal besser vor zwei Jahren aufgehört.

Was hat Sie dazu bewogen, Ihren Abschied beim ISTAF im Berliner Olympiastadion zu geben? Was macht das Meeting so besonders für Sie?

Nadine Hildebrand:
Ich wollte es nicht bei irgendeinem Wald- und Wiesensportfest machen. Das ISTAF bin ich schon oft gelaufen und es ist nun einmal das größte deutsche Meeting, das wir haben. Und ich wollte mich gern zu Hause verabschieden und nicht irgendwo im Ausland, wo mich keiner kennt und Familie und Freunde nicht dabei sein können.

Sie hatten die letzten drei Jahre viel Verletzungspech: 2015 eine Knie-OP und zuletzt einen Faserriss im Oberschenkel und noch im Mai Probleme mit der Achillessehne. Hätten Sie ohne die Verletzungen weitergemacht?

Nadine Hildebrand:
Nein, denn das hätte an der Tatsache, dass irgendwann Schluss sein muss, nichts geändert. Im Prinzip weiß man nach den Olympischen Spielen, dass man entweder noch vier Jahre macht oder eher nicht. Und dann habe ich mir überlegt: 2020 bist du 33 Jahre, ob es bis dahin noch reicht? Und dann gab es die EM hier in Berlin, dann hat man das natürlich im Kopf und denkt: Einen schöneren Abschluss als die Europameisterschaften zu Hause kann es nicht geben. Gern wäre ich noch einmal an meine Bestzeit heran gelaufen. Aber 12,64 Sekunden ist einfach auch eine Bombenzeit. Da muss schon wahnsinnig viel stimmen, dass man das noch einmal läuft.

Zu Ihren Stärken gehörte vor allem Ihre gute Hürdentechnik. Hat Ihnen diese auch dabei geholfen, nach Ihren Verletzungen immer wieder stark zurück zu kommen?

Nadine Hildebrand:
Es ist natürlich immer hilfreich, wenn man etwas hat, auf das man sich verlassen kann. Das ist wie Radfahren, das ist ja nicht einfach weg. Nach der Knie-OP hatte ich ganz lange gebraucht, da hat mir dieses Gefühl gefehlt. Aber mein Trainer, Werner Späth, meinte immer: Warte nur, das kommt. Klar denkst du dir dann erst einmal, du könntest genauso gut an den Weihnachtsmann glauben. Da hilft es dann schon, wenn man sich auf etwas verlassen kann. Damit das dann aber auch funktioniert, muss man sich schon ganz schön den Arsch aufreißen.

Gehen wir einmal an den Anfang Ihrer Karriere: Wann und warum haben Sie sich für den Hürdensprint entschieden?

Nadine Hildebrand:
Wir haben das mal im Schülerbereich bei einem Wettkampf ausprobiert. Und da fand ich das ganz lustig und habe paar Wettkämpfe gemacht. Zwar war ich auch im Flachsprint ganz gut, aber Hürden hat einfach mehr Spaß gemacht und ist viel abwechslungsreicher. Dann bin ich einfach dabei geblieben. Es war auch die ganzen letzten Jahre noch so – man hätte mich jederzeit nachts wecken können und sagen: Nadine, Hürden! Und ich wäre aufgesprungen und hätte gesagt: Geil! Wann? Wo? Mir hat es auch dieses Jahr noch extrem viel Spaß gemacht im Training. Ich hatte noch immer Bock drauf gehabt. Aber mein Alter und mein Körper zeigen mir Grenzen und die Verletzungshäufigkeit hat sich jetzt einfach vermehrt. Auch die Regeneration braucht mit 30 Jahren auch einfach doppelt so lang.

Wenn Sie einmal zurück blicken: Gab es für Sie das eine Highlight, das besonders hervorsticht und Ihnen in Erinnerung bleibt?

Nadine Hildebrand:
Auf jeden Fall die Olympischen Spiele 2016 in Rio de Janeiro (Brasilien, d. Red.). Das ist einfach etwas Besonderes. Das kann man gar nicht so beschreiben, da muss man einfach dabei gewesen sein.

Und was war für Sie persönlich Ihr größter Erfolg?

Nadine Hildebrand:
Ich denke, für mich am schönsten war tatsächlich, dass ich es nach der Knie-OP ein Jahr später in Mannheim noch einmal geschafft habe, meine Bestzeit zu laufen. Weil das doch eine OP ist, die nicht viele Ärzte machen. Und es auch etwas ist, wo man eigentlich nicht auf die Idee kommt, noch einmal Leistungssport machen zu wollen. Aber das war für mich keine Option.

Hatten Sie je ein Vorbild, an dem Sie sich orientiert haben?

Nadine Hildebrand:

Ich glaube, diese Lust auf das Hürdenlaufen habe ich bekommen, als ich Colin Jackson (Großbritannien, d. Red.) gesehen habe. Den habe ich immer bewundert. Und dann hatte ich diese Vision, seine 12,90 Sekunden über die Männerhürde auch gern einmal über die Frauenhürden zu laufen. Später habe ich ihn auch einmal persönlich getroffen und wir haben uns unterhalten. Da dachte ich: Das ist wirklich so ein cooler Typ, wie ich immer am Fernseher dachte. Und irgendwie ist er es immer geblieben, auch wenn ich dann später schneller gelaufen bin – aber ich hatte ja auch zehn Meter weniger. (lacht)

Sie hatten vorhin schon einmal Ihren Trainer Werner Späth angesprochen, der Sie seit 2011 betreut. Was macht die Zusammenarbeit mit ihm so besonders für Sie?

Nadine Hildebrand:
Ich hatte damals einen neuen Trainer gebraucht. Und Werner Späth war meine erste Wahl. Aber ich wusste, er will eigentlich nicht mehr. Mittlerweile ist er ja auch schon 74 Jahre. Er hat es sich dann aber doch noch einmal überlegt, als er gehört hat, dass ich gern mit ihm arbeiten möchte. Und wir haben einfach super zusammen gepasst, die Chemie hat gestimmt. Und Werner ist jemand, der hat schon alles erlebt und gesehen. Und doch kommt er immer wieder mit neuen Ideen. Es ist einfach die Interaktion, die unsere Arbeit so besonders gemacht hat.

Blicken wir einmal nach vorn: Was werden Sie wohl am meisten vermissen?

Nadine Hildebrand:
Es sind schon die Wettkämpfe. Hürden macht man nicht einfach so mal zu Hause. Das ist eine einzigartige Atmosphäre im Stadion, wenn da zehntausend Leute für dich aufstehen und klatschen. Das bekommst du nirgends – diese besonderen Momente, die du nur im Sport haben kannst.

Werden Sie denn der Leichtathletik auch in Zukunft erhalten bleiben?

Nadine Hildebrand:
Also Trainer kommt für mich nicht in Frage. Aber ich bin definitiv bis 2020 noch Athletensprecherin im Deutschen Leichtathletik-Verband und da quasi die Stimme der Athleten. Da habe ich genug zu tun. Ich sitze ja mit in allen Gremien und habe da tatsächlich auch mein Stimmenrecht und bin an Entscheidungen oder Nominierungen beteiligt. Ich sehe mich dabei vor allem auch in einer Position, das zu sagen, was sich der einzelne Athlet vielleicht nicht traut zu sagen. Das ist so ein bisschen wie ein Klassensprecher.

Was die Karriere nach der Karriere betrifft, haben Sie bereits gut vorgesorgt und sind seit 2013 als Rechtsanwältin in einer Stuttgarter Kanzlei tätig. Wie ist es Ihnen gelungen, Beruf und Sport beziehungsweise schon das Studium mit dem Leistungssport erfolgreich vereinbaren zu können?

Nadine Hildebrand:
Während der Schule ging es total einfach und ich dachte nach dem Abi, da kann ich direkt mit dem Studium so weitermachen. Ich bin da sehr naiv an die Sache rangegangen. Doch dann bin ich einfach in diesem Strudel mitgekommen und habe gemerkt, dass das auch nebenher gut klappt. So ging es dann immer weiter. Und nach dem zweiten Staatsexamen muss man einen coolen Arbeitgeber haben, der das alles unterstützt. Und den hatte ich ein Glück gefunden und konnte mit einer Teilzeitstelle den Sport auf diesem Niveau parallel weiter betreiben.

Abschließend noch einmal zum Hürdensprint. Wie schätzen Sie aktuell den deutschen Hürdensprint ein? Was ist da in den kommenden Jahren noch für die DLV-Mädels möglich?

Nadine Hildebrand:
Zurzeit sind wir ja sehr stark. In den letzten Jahren hat sich das immer mehr verjüngt und verjüngt und es sind auch mehr geworden. Das ist eigentlich schön, weil ich glaube, dass die Jungen noch ein paar Jahre vor sich haben und da großes Potenzial drin steckt.

Nadine Hildebrand, vielen Dank für das Interview und alles Gute für die Zukunft. 

Bild: © Gladys Chai von der Laage

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